INTERVIEW MIT MEINER WOHNUNG

Über Chaos und Struktur - Ich grüße das UND

Chaos ist mein zweiter Vorname. Eigentlich müsste es mein erster sein, aber wer will schon Chaos heißen ...?

Auf jeden Fall habe ich mich sofort angesprochen gefühlt als ich folgenden Text auf einem Flyer gelesen habe, der im Kindergarten meiner Kinder aufgelegen ist:

 

Unordnung, Durcheinander und Zufall – ist Chaos schön oder unfassbar schrecklich? Ist es notwendig, fordert es Entwicklung? Ist es alles gleichzeitig? Existiert Chaos ohne Struktur und umgekehrt? Im Chaos ist alles möglich und ohne Struktur ist nichts davon fassbar. Was bedeuten diese Begriffe in deinem Alltag? Inwiefern beeinflussen sie dein Handeln? Vor welche Herausforderungen stellen sie dich? Ist es Luxus über solche Fragen nachdenken zu können? Welche Potentiale verbergen sich in der Ordnung, welche hinter dem Zufall?

 

Die Bäckerei - Kulturbackstube in Innsbruck hat in oben genannter Ausschreibung dazu aufgerufen, einen Beitrag für die nächste Ausgabe des UND einzureichen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich gerade Gefallen am Schreiben gefunden und scherzte mit meinem Mann, dass ich doch ein Interview mit unserer Wohnung verfassen könnte. Die hat ganz bestimmt etwas zum Thema CHAOS UND STRUKTUR zu sagen hat. Ich schaute mich dabei in unserem Wohnzimmer um, auf dessen Boden vom Spielen mit den Kindern noch alles verstreut lag, die Wäsche sich in einer Ecke stapelte und das Geschirr vom Abendessen immer noch am Tisch auf´s Abräumen wartete. An die anderen Räume wollte ich gar nicht denken.

 

An dem, was zuerst nur eine scherzhafte Bemerkung war, fand ich immer mehr Gefallen. Ja, ... was würde meine Wohnung denn tatsächlich sagen, wenn ich sie interviewen könnte?

 

Das Ergebnis meiner Überlegungen könnt ihr in der 2. Ausgabe des UND - ein Heft für Alternativen, Widersprüche und Konkretes nachlesen. Und man findet dort auch sehr viele andere schöne Beiträge.

 

Hier auf meinem Blog gibt´s die ungekürzte Version meines Textes zu Lesen.

Ich wünsche euch viel Spaß dabei!


Interview mit meiner Wohnung

Auf der Suche nach Antworten für das ständige Chaos in unserer Wohnung befrage ich heute direkt und exklusiv unsere Wohnung...

 

ICH: Liebe Wohnung, heute möchte ich dich gerne bezüglich der Begriffe CHAOS und STRUKTUR interviewen. Es ist ja gemeinhin bekannt, dass du als Wohnung Erfahrung mit beidem hast. Man sieht Wohnungen, die ziemlich chaotisch und unordentlich sind und solche in denen Ordnung und Struktur hervorstechen. Momentan herrscht ziemliches Chaos in Dir, wenn man sich hier so umschaut!

 

WOHNUNG: Das nennst du Chaos? Ich würde es eher als ein wüstes Wirrwarr, ein Tohuwabohu bezeichnen. Das hat nix mit der ursprünglichen Bedeutung von Chaos zu tun! Chaos kommt aus dem Griechischen und bedeutet eigentlich "LEERE". Es bezeichnet auch den ungeordneten Stoff, aus dem die Erde entstanden ist, also etwas Strukturiertes, Geordnetes. Aus dem Chaos entsteht Ordnung, Struktur. "Wahrlich zuerst entstand das Chaos und später die Erde.", sagte der griechische Dichter Hesiod. Aber er meinte mit Chaos nicht ein Durcheinander an Gerümpel von dem die Hälfte tot ist, aus dem nix mehr entstehen kann und das mich blockiert.

Bevor jemand in mich einzieht, bin ich leer. Ein Raum ohne etwas - diesen Zustand würde ich als Chaos bezeichnen, im ursprünglichen Sinne des Wortes. Diesen chaotischen Zustand finde ich wunderschön...Denn diese Leere kann gefüllt werden- z.B. mit Leben und Liebe - es kann Ordnung und Struktur hergestellt werden.

Stattdessen tanzen meine Bewohner hier an, fast ohne Ausnahme, und machen aus dem kreativen Chaos - der LEERE - ein Wirrwarr, ein heilloses Durcheinander.

 

ICH: Heißt das, du bist der Meinung, dass du momentan weder mit Leben noch mit Liebe gefüllt, sondern nur vollgestopft bist mit totem Gerümpel? (Interviewerin ist ehrlich schockiert, schließlich ist es ihre Wohnung die sie mit ihrem Mann und ihren drei Kindern bewohnt)

 

WOHNUNG: Nein, so würde ich das nicht sagen. Viel Liebe und Leben könnten mich füllen, denn meine momentanen Bewohner haben eine Menge davon (die Interviewerin entspannt sich merklich). Leider ist oft zu wenig Platz dafür, weil eben viel Mist, den ich als tot bezeichne, den Platz belegt. Es herrscht Chaos im modernen Sinne des Wortes.

 

ICH: Aber warum tot. Dinge leben doch nicht, folglich können Sie auch nicht sterben und tot sein. Außerdem ist doch Liebe und Leben, mit dem du gerne gefüllt wärst, nichts, das räumlich Platz braucht. Es ist nicht etwas für das ich einen Kasten oder eine Kommode bereitstellen oder eine Ecke freihalten muss. Außerdem ist Chaos doch kreativ, oder?...

 

WOHNUNG: So, das sind nun drei Fragen auf die ich antworten möchte. Man sieht, dieses Thema beschäftigt dich sehr und reißt dich emotional mit. Kann ich verstehen, mir geht es genauso. Nur, dass ich immer den passiven Part habe und erdulden muss ... naja ich möchte nicht länger darauf herumreiten, sondern deine Fragen beantworten: Zuerst zur letzten Frage. Kreativ ist, wenn etwas Neues entstehen kann, aber in einem heillosen Durcheinander geht das doch nicht. Da ist man blockiert, ständig damit beschäftigt etwas zu suchen, von einer Ecke in die andere zu räumen anstatt sich von dem zu trennen was einen belastet, was man nicht (mehr) braucht, was einen träge macht. Würde mensch sich von dem ganzen Ballast befreien, könnte sich wirklich Kreatives entwickeln und es würde Platz für die Menschen und deren Ideen in mir entstehen.

 

ICH: Entschuldige, hier muss ich einhaken bevor du die anderen Fragen beantwortest. Das klingt ja zugegebenermaßen ganz schön, aber seien wir mal ehrlich, dieses ganze Gefasel von Ordnung und Struktur ist auch etwas spießig. Als Studentin machte es mir auch nix aus, wenn's mal unordentlich war und Unordnung und Chaos lassen einen nach kreativen Lösungen suchen und neue Ideen entwickeln.

 

WOHNUNG: Was denn zum Beispiel?

 

ICH: Naja,... wenn ich etwas nicht finde, dann muss ich eine kreative Lösung dafür suchen, wie ich mit der Situation umgehe bzw. was ich stattdessen hernehme.

 

WOHNUNG: Ein konkretes Beispiel ist das aber nicht. Mir fällt dazu folgendes ein: wenn du den Schlüssel nicht findest, dann musst du zu Hause bleiben und kannst den geplanten Ausflug nicht machen, wenn der Fahrradhelm unauffindbar ist, dann wird auch nix aus der Radtour und wenn du ...

 

ICH: Ja, ja ich hab schon verstanden.

 

WOHNUNG: Außerdem bist du keine Studentin mehr, hast drei Kinder und einen Mann und dein Leben ist komplexer geworden. Sorry, aber die jungen, wilden Jahre sind vorbei. Wenn fünf Personen in einem Haushalt leben, dann kommt ziemlich viel an Dingen zusammen und wenn dabei alter Ballast mitgeschleift wird, ist bald alles vollgestopft und man ist nur noch beim Hinterherräumen, in Kästen stopfen und suchen... für mich klingt das anstrengend. 

 

ICH: ...hm. ... ja .... ist es auch irgendwie! Aber was das ' jung' und 'wild' anbelangt muss ich widersprechen. Ich bin doch keine vertrocknete, verrunzelte Tomate, die still und ruhig ihrem Leben nachgeht. Ich will Spaß, Spiel und pures Leben und nicht meine Zeit mit ordnen, strukturieren und ausmisten verbringen.

WOHNUNG: Aha, ... du verbringst sie also lieber damit, das erst kürzlich gekaufte Buch zu finden, das irgendwo in den Hunderten von Büchern verschwunden ist - im Bücherregal, in dem man nur Bücher findet die man gerade nicht braucht. Und du bezeichnest es als Spaß und Spiel, die Schrauben von dem Kasten, den du auseinandergebaut hast und nun wieder aufstellen willst, zu suchen. Irgendwo müssen sie doch sein, oder? Das bedeutet für dich also pures Leben...

 

ICH: Jetzt machst du dich lustig über mich ...

 

WOHNUNG: Neeeiiiin, überhaupt nicht...

 

ICH: Ich würde ja auch lieber meine Sachen geordnet haben (tiefer Seufzer von der Interviewerin). Aber immer wenn ich probiere Struktur in mein Leben und unsere Wohnung zu bringen, dann scheitere ich. Dann denke ich, es gehört wohl zu uns, das Chaos. Wir sind so eine Familie. Ich scheitere auch immer wieder an der Zeit, die es braucht so eine Wohnung zu ordnen und das Chaos zu beseitigen.

 

WOHNUNG: Du hast gerade etwas ganz Wesentliches gesagt: Struktur und Ordnung in die Wohnung bringen bedeutet auch sein Leben zu ordnen. Oder auch umgekehrt: wenn ich mein Leben geordnet habe, wenn ich weiß was ich will, ist es mir auch leichter möglich meine Wohnung zu entrümpeln.

 

ICH: Aber wo setze ich an? Mein Leben und meine Wohnung sind so gefüllt ...

 

WOHNUNG: Ein Luxusproblem unserer Zeit. Wir haben von vielen Dingen zu viel ...Aber lass mich auf deine erste Frage von vorhin antworten, vielleicht siehst du dann klarer. Du wolltest wissen warum ich die Dinge als tot bezeichne bzw., der Umkehrschluss, ich Dinge für lebendig halte. DU bist es, die den Dingen Leben einhaucht bzw. sie sterben lässt: Indem du sie benutzt, pflegst, reparierst oder sie eben in der hintersten Ecke, ganz unten in der Schublade oder auf dem verstaubten Kasten vergammeln lässt. Diese Dinge sind nicht mehr lebendig und versauen mit ihrem Verwesungsgeruch jede schöne Wohnung.

 

ICH: Hollawind - das ist jetzt aber schon etwas derb, liebe Wohnung. Wir wollen dich doch nicht als Friedhof benutzen.

 

WOHNUNG: Tut ihr aber. Eure Kästen, Schubladen und Regale sind vollgestopft mit Dingen die ihr, so meint ihr zumindest, vielleicht nochmal braucht, wobei dieser Zeitpunkt nie kommen wird, denn ihr habt sie bereits vergessen. Aber sie machen mich zur Müllhalde oder, krasser ausgedrückt, zum Friedhof und euch blockieren sie. Ihr seid nicht offen für Neues, ihr habt keinen Platz für Neues und eure angefangenen Projekte verschwinden in den Untiefen von irgendeinem Kasten. Die begonnene Handarbeit, die Lektüre des Segelbuches oder die Zeichen- und Malsachen geraten in Vergessenheit oder es wird meinen Bewohnern zu mühsam die gewünschten Dinge hervorzukramen. Und dann hört man Sätze wie: 'Ich wollte immer zeichnen lernen, aber irgendwie hatte ich nie Zeit dafür.' Und hier muss ich kurz auf den Zeitfaktor in Bezug auf Chaos und Struktur zu sprechen kommen: 'Lerne Ordnung, liebe sie; Ordnung spart dir Zeit und Müh.', sagt schon ein alter Kinderspruch und, um es mit Goethe zu sagen: 'Gebraucht der Zeit, sie geht so schnell von hinnen,/ Doch Ordnung lehrt euch Zeit gewinnen.' Wenn ich mich also in einer geordneten Umgebung befinde, habe ich auch Zeit mich den Dingen zu widmen die ich liebe, z.B. dem Zeichnen.

 

ICH: D.h. ich muss zuerst Zeit investieren, um Ordnung zu schaffen, um dadurch dann wieder Zeit zu gewinnen. Klingt irgendwie ... na, paradox, oder?

 

WOHNUNG: Das ganze Leben ist ein einziges Paradoxon, findest du nicht? Ihr habt immer weniger Zeit, obwohl ihr immer schneller werdet. Ihr kauft immer mehr, habt aber das Gefühl zu wenig zu haben, immer mehr Geräte und Apps sollen euer Leben strukturieren, dabei wird es immer unüberschaubarer. .. und, und, und. Das sind viel größere Widersprüchlichkeiten, als dass ich Zeit für Zeit investiere. Denn wenn ich es richtig mache, das mit der Ordnung, dann habe ich für lange Zeit Ruhe. Das nenne ich eine gelungene Investition.

 

ICH: Warum machen das dann, deiner Erfahrung nach, so wenige. Du erwähntest nämlich, dass der Großteil deiner bisherigen Bewohner ein einziges Durcheinander in dich gebracht haben. Wie ist das denn nun. Wenn so viele, wie du sagst, im Chaos leben und sich schwer tun Struktur und Ordnung zu schaffen, dann ist das Chaos doch etwas zutiefst Menschliches und gehört einfach dazu, oder?

 

WOHNUNG: Chaos ist bestimmt etwas sehr Menschliches. Es ist der Ausgangspunkt. Aber kein statischer Zustand und kein Endpunkt oder Ziel. Chaos verlangt nach Entwicklung. Und jeder Mensch strebt nach Entwicklung, wenn er dafür geeignete Bedingungen hat. Struktur löst Chaos ab, Chaos löst Struktur ab. Jede (Weiter)Entwicklung verlangt das. Es ist ein Luxusproblem unserer Zeit: Überfluss! Euer Leben und eure Wohnung sind vollgestopft. Wer viel hat, ist viel. Das bedeutet Erfolg. Klarerweise ist es dann schwer sich von Dingen zu trennen.

 

ICH: Dachte nie, dass ein Gespräch mit meiner Wohnung so philosophisch sein könnte...

 

WOHNUNG: Ja, da schaust du, was. Was so eine Wohnung alles (aus)sagt.

 

ICH: Ja, tatsächlich. Ich habe nun schon einige sehr tiefgründige Dinge über mich, meine Wohnung und Chaos und Struktur gehört. So ganz klar ist mir jedoch noch immer nicht, wie ich nun das Chaos hier beseitige...

 

WOHNUNG: Alle Dinge die tot sind, gehören entsorgt, d.h. verkauft, verschenkt oder weggeworfen.

 

ICH: Aber wie weiß ich, dass sie tot sind. Ich kann ja schlecht den Puls fühlen...

 

WOHNUNG: Haha, Witzknödel... wenn du weißt was du willst, was wichtig ist in deinem Leben, dann kannst du auch leichter sagen, welche Dinge du noch mit Leben füllen willst und welche nicht. Das benötigt manchmal etwas Zeit, das herauszufinden. Ansonsten hättest du dich vielleicht schon früher von bestimmten Dingen getrennt. Alles was zu dir und deinem Leben gehört, was dich glücklich macht kann bleiben und du kannst ihnen einen ordentlichen Platz zugestehen. Sich Zeit zu nehmen für die Dinge, heißt auch für sich selber Zeit zu haben. Schließlich hat mensch ja die Sportausrüstung, das Buch, das schöne Kleid,... für sich gekauft. Und sie wollen benutzt werden. Zu ordnen verleiht dem Leben Struktur, schenkt Sicherheit. Es werden nicht nur Dinge geordnet sondern auch Gedanken!

 

ICH: Wow, ich sehe klarer. Und wie ist das dann mit der Liebe... Braucht sie eher einen extra Kasten oder eine freie Schublade? ...

 

WOHNUNG: Diese Frage müsstest du nach unserem Gespräch selbst beantworten können.

 

ICH: Dann lass es mich versuchen: Nein, ich muss für die Liebe keine Schublade frei räumen. Aber sie braucht Platz, im Sinne von Zeit. Und Ordnung heißt Zeit. In einer aufgeräumten Wohnung kann die Liebe zirkulieren ... (beinahe verliere ich die Bodenhaftung bei solch geflügelten Worten...) Hätte nicht gedacht, dass ein Gespräch mit dir so erhellend sein könnte ...

 

WOHNUNG: Aber Hallo ... da hast du mich gewaltig unterschätzt. Ich könnte dir noch einiges ...

 

ICH: Haaalt! Hier muss ich dich unterbrechen. Ich bin mir sicher du könntest mir noch etliche philosophische und lebensverändernde Dinge über Chaos und Struktur sagen. Aber ganz ehrlich.... mein Kopf ist voll und ich brauche etwas Zeit zum verdauen ... und wer weiß, was sich daraus ergibt ... Entwicklung? Ordnung und Struktur? Erneutes Chaos in Form von Fragen? In jedem Fall werden wir beide nochmal miteinander reden. Jetzt bleibt mir nur noch ,mich bei dir zu bedanken für dieses erhellende Gespräch. DANKE!

MACH MIT BEIM GEWINNSPIEL -

BIS ZUM 26.03.2017

 

Nähere Infos findest du hier!